Blick über die Grenzen – die Abwärtsspirale kommt schneller als man denkt!

Blick über die Grenzen – die Abwärtsspirale kommt schneller als man denkt!

Gewohnte Pfade, die schrittweise ins Abseits führen
„Hier ist es so schön. Die Gäste werden immer wieder kommen.“ Das war ein oft zu hörender Satz in einer Gemeinde, die bis in die späten 90er-Jahre zu den touristischen Hochburgen der deutschen Ostseeküste gehörte. Dem Anschein nach war es auch so: Luftkurort, von einem Stararchitekten entworfene Kuranlagen, reizvolle Seenlandschaft, gut besuchte Veranstaltungen und die größte Bettenkapazität in der Region. Doch die Nächtigungen – Saisonbetrieb von Mai bis Oktober –  hatten sich innerhalb von 10 Jahren schleichend um über 40% reduziert. Die Hoffnung darauf, dass es immer weiter gut geht, war stärker als die Akzeptanz der Realität: Nämlich dass die Dinge sich ändern – genau wie der Geschmack der Touristen.

2005 wurde mir die touristische Verantwortung dieser Gemeinde an der Ostsee übertragen. Zu dem Zeitpunkt waren die Nächtigungszahlen weiter um rund 45% gesunken. Nach einem halben Jahr gab ich diesen Posten resigniert wieder auf. Von den Gründen werde ich einige anführen – damit will ich zeigen, welche Auswirkungen es haben kann, wenn eine vom Tourismus geprägte Region auf Veränderungen zu langsam oder gar wider besseres Wissen reagiert. Zwar ist Osttirol noch von einer solchen dramatischen Entwicklung entfernt, aber es gibt Anzeichen von Parallelen. Rechtzeitiges Handeln ist die beste Prävention, um die Zukunft – gleich ob wirtschaftlich, gesellschaftlich oder ökologisch – zu sichern.

Rechtzeitiges Erkennen als Grundlage zum Handeln
Es stimmt, die Gäste kamen gern und viel in jene norddeutsche Ferienregion. Im Sommer waren nahezu alle Betten über Wochen ausgebucht. Über die Straßen schoben sich Autokolonnen, die Menschen drängten sich an den Badeseen, in den Cafés oder Kuranlagen. Den ersten spürbaren Rückgang an Gästezahlen gab es in Folge der Grenzöffnung und Wiedervereinigung. Es folgten weitere Einflüsse von außen, wie eine Änderung im Gesundheitsgesetz, die besonders Kurbetriebe spürten und die den der Verlauf der Nächtigungen beeinflussten. Außerdem verstärkte sich der Wettbewerb unter den Ferienregionen, es kamen neue Urlaubsangebote hinzu und auch das Verhalten der Konsumenten änderte sich.

Statt darauf zu reagieren, Konzepte zu überdenken und neue Strategien zu entwickeln, vertraute man weiter auf Bewährtes. Neue Reisetrends wurden ignoriert. Die Begründung: „Das sind Modeerscheinungen aus der Stadt. Das betrifft uns auf dem Land nicht.“ Die rückläufigen Nächtigungen machten sich vielschichtig bemerkbar. In Gesprächen und Versammlungen beklagten sich Gastronomen und Vermieter über das Handeln oder vielmehr das Nicht-Handeln von Ortspolitik und Tourismusbüro. Auch in der Wirtschaftsvereinigung wurden die Auswirkungen fehlender Gäste diskutiert. Sinkende Umsätze führten zu weniger Aufträgen bei Handwerksbetrieben. Im Handel kam es zu Geschäftsaufgaben und in Folge zu Leerständen. Die Innenstadt verlor an Attraktivität. Leerstände bedeuteten nicht nur Lücken im Stadtbild, sondern auch unansehnliche Abschnitte in den Ladenzeilen: Moos an Fenstern und Leuchtschildern, Müllecken oder Schmierereien an Hauswänden.

Keine falschen Versprechen durch Marketing
Auch der Haushalt der Gemeinde spürte die Auswirkungen. Fehlenden Steuereinnahmen standen steigende Verpflichtungen gegenüber. Es kam zu Kürzungen, die auch das touristische Angebot betrafen. Teile der Kuranlagen wie Kneippbecken wurden nicht mehr unterhalten. Die Anzahl der Beschäftigten auf dem Wirtschaftshof nahm ab. Damit war die Pflege z.B. der Grünanlagen nur noch eingeschränkt möglich. Die Gemeinde konnte sich nur noch bedingt an Veranstaltungen beteiligen. Die Aufrechterhaltung der Infrastruktur wurde auf das Notwendigste begrenzt. Der Glanz des einstigen Luftkurortes verblasste immer mehr. Enttäuschte Gäste, die durch Kataloge und Internet ein anderes Bild vermittelt bekamen, beschwerten sich bei Vermietern und im Tourismusbüro.

Um dieser Spirale zu entkommen, wandten sich die Gemeindevertreter an die Unternehmer der größten Betriebe. Aber auch hier hatte sich das wirtschaftliche  Bild aus verschiedensten Gründen verändert. Der größte nicht touristische Arbeitgeber beschäftigte einst 1.000 Menschen. 2006 waren es nur noch 350. Der Inhaber eines Unternehmens kommentierte die Anfrage auf eine mögliche Zusammenarbeit aus dem Gemeinderat mit den Worten: „Als wir euch brauchten, wurden unsere Anträge abgelehnt. Jetzt sollen wir euch mit unserem Kapital helfen? Nein!“ Das war kein Einzelfall. Weil der Ort und die Gemeinde landschaftlich viel zu bieten hatte, waren Investoren interessiert. Doch statt Wege für Investitionen freizumachen, türmten sich bürokratische Hürden auf. Auch das Parteiengezänk im Gemeinderat und in den verschiedensten Ausschüssen führte zu Blockaden. Die Investoren zogen sich zurück.

Mechanismen des sozialen und gesellschaftlichen Geflechts
Der Gemeinderat machte – höflich ausgedrückt – in vielen Fällen eine unglückliche Figur. Oft verhinderten parteipolitische Interessen eine Lösung. Aber auch innerhalb der verantwortlichen Parteien gab es Querelen. Abhängigkeiten, falsch verstandenes Traditionsdenken und Eigeninteresse blockierten zukunftsorientiertes Handeln.
Über Jahrzehnte stritten sich zwei einflussreiche Familien um Boden und Macht. Zum Leidwesen der Gemeinde arbeiteten sie grundsätzlich gegeneinander. Der Großgrundbesitzer legte durch seinen Einfluss dem Unternehmer, der seinen Betrieb erweitern wollte, so viele Steine in den Weg, dass dieser den Standort fast ganz aufgegeben hätte.  Außerdem verstanden es beide durch ihre Positionen innerhalb der Gemeinde, andere in Abhängigkeiten zu sich selbst zu bringen. Ihre Haltung: „Das war schon immer so und es wird auch so bleiben“ wurde denn auch von etlichen Honoratioren vertreten. Zwar waren diese nicht mehr augenfällig im aktiven öffentlichen Leben vertreten, aber ihre Töchter und Söhne. Die jüngere Generation wollte durchaus etwas bewegen, um wieder Perspektiven zu schaffen. Es kam jedoch oft vor, dass sie – ob aus Familien- oder Traditionsbewusstsein sei dahingestellt – im Gemeinderat doch im Sinne ihrer Väter entschieden. Das sind nur einige Beispiele, die mitverantwortlich dafür sind, dass sich eine allgemeine Resignation, destruktives Denken und schwindender Gemeinsinn verfestigten. So manchem Gast blieb das nicht verborgen.

Subventionen und Förderungen – ein zweischneidiges Schwert
Ist eine solche Abwärtsspirale erst einmal in Gang gesetzt, entwickelt sie eine Eigendynamik. Natürlich kann das auch umgekehrt der Fall sein, irgendwann ist jedoch ein Punkt erreicht, da Lösungen (fast) unmöglich werden und kein Marketing die Fehler mehr richten kann. Selbst Subventionen oder Förderungen können diesen Trend nicht aufhalten. Im Gegenteil: Es werden neue Abhängigkeiten geschaffen, die kreatives Denken eher behindern als fördern. Im Falle des Luftkurortes hat jetzt die zuständige Landesregierung 15 Mio. Euro zur Belebung der Innenstadt in Aussicht gestellt – wenn ein überzeugendes Konzept ausgearbeitet wird. Erneut soll also eine Subvention Impulse und damit ein Comeback der Region ermöglichen. Es wird sich zeigen, ob diese (Steuer-) Geld verpuffen oder man aus der Vergangenheit gelernt hat.

Auch wir in Osttirol müssen schauen, nicht in eine solche Spirale zu geraten. Der Weg wieder hinaus ist schwer. Auch andere Regionen haben ihre landschaftlichen Reize und touristische Angebote. Der Markt ist voll, der Wettbewerb wird hart geführt und auf Osttirol hat die Welt in diesem Kontext auch nicht gewartet. Das mag hart klingen und für viele eine unfeine Aussage sein. Wir stehen in Konkurrenz zu AIDA Kreuzfahrten, New York-Paris-Wien-Städtereisen, Hofer Pauschalreisen oder zu Destinationen wie dem Kaunertal. Der Gast ist „Urlaubsprofi“ geworden, sei es durch geschäftlich bedingte oder zahlreiche private Reisen. Gewohnte Pfade sind daher kaum die Antwort auf Zukunftssicherung. Gute Ideen gibt es in Osttirol sehr viele – die Herausforderung liegt in der Umsetzung.  Und da dürfen weder Parteibücher, noch falsch verstandenes traditionelles Denken oder Abhängigkeiten im Wege stehen.

 

Die Zukunft gehörte schon immer den Mutigen!

Jan Schäfer
Marken- und Kommunikationsentwicklung, Matrei i.O.